»Der Condor« ist Adalbert Stifters erste veröffentlichte Erzählung (1840). Ein junger Maler blickt in den nächtlichen Himmel über der Stadt. Dort steigt in der Morgenfrühe der »Condor« auf, ein Fesselballon; in seiner Gondel Cornelia, die mit diesem Abenteuer nicht nur die vertraute Erde hinter sich lässt, sondern auch die ihr zugewiesene Stellung als Frau. In schwindelnder Höhe verändert sich die scheinbar sichere Wahrnehmung der vertrauten Natur und wird bedrohlich. Cornelia erkrankt schwer. Wieder genesen ruft sie den jungen Künstler zu sich, um sich im Malen unterrichten zu lassen. In einem Augenblick erkennen beide ihre Liebe zueinander und trennen sich dennoch im nächsten. Während der Mann durch ferne Erdteile reisend seine künstlerische Vollendung findet, bleibt Cornelia, als sie seinen meisterlichen Bildern in einer Ausstellung begegnet, nur die Trauer über die verlorene Liebe.
Nichts ist langweiliger, als der Literatur immer wieder ihre Langweiligkeit vorzuwerfen. Vor allem Der Nachsommer musste sich diesen Vorwurf von jeher gefallen lassen. Übersehen wird dabei jedoch, wie kühn dieser Roman bereits auf die Moderne verweist. Im gleichen Jahr wie Madame Bovary und Baudelaires Blumen des Bösen erschienen, ist Stifters Nachsommer der erste deutsche Roman, der buchstäblich vor Augen führt, was übrig bleibt, wenn man den großen auch politischen Erzählungen nicht länger glauben kann: die hohe Kunst des Alltags und der Wiederholung.
Zwei liebende Paare stehen im Vordergrund dieses warmherzigen Romans: Das jüngere beschließt nach schüchterner Annäherung schließlich zu heiraten, das ältere erlebt eine späte Liebe »in Glück und Stetigkeit, gleichsam einen Nachsommer ohne vorhergegangenen Sommer.«
Eine Bildungs-, Liebes-, und Familiengeschichte und ein Werk der Verinnerlichung und der Entwicklung echter Seelenreife.
»Der Nachsommer gehört zu den wenigen Werken deutscher Prosa, die es verdienten wieder und wieder gelesen zu werden.«
Friedrich Nietzsche
An seinem monumentalen Werk über die Gründungsgeschichte des Königreiches Böhmen im 12. Jahrhundert arbeitete Stifter zehn Jahre lang wie »ein Pflugstier«. Durch den Romanhelden Witiko, der stellvertretend für den sittlich handelnden Menschen steht, wird das grandiose Historiengemälde zum Bildungsroman, als dessen Meister sich der Autor mit seinem ›Nachsommer‹ in die Literaturgeschichte eingeschrieben hatte.